Nicht so wie geplant

Im April 2018 wurde mein Leben plötzlich auf den Kopf gestellt. Ein Rückblick darüber wie alles begann.

„Das Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen“

John Lennon

Dann bin ich einfach umgekippt. Eigentlich dachte ich, der Schwindel würde gleich vorübergehen. So wie wenn man zu schnell aufgestanden ist und sich kurz alles dreht. Deswegen setzte ich meinen Weg fort, aber es wurde nicht besser. Mir fiel nichts Besseres ein als die Dame an der Kasse auf mich aufmerksam zu machen, aber zu spät.

Einige Augenblicke danach kam ich auf dem Boden wieder zu mir. Vielleicht war es auch eine Minute oder länger gewesen. Jemand hatte mir einen Einkaufskorb unter die Beine geschoben und bot mir ein Glas Wasser und einen Traubenzucker an. Ich denke kurz an die Einkäufe, die ich in den Armen gehalten und bei meinem Sturz nach hinten vermutlich überall auf dem Boden verteilt hatte, aber die hatte schon jemand beiseite geräumt. Nach ein paar Momenten ging es mir besser. Jemand hatte einen Krankenwagen gerufen und ich fragte mich, ob das nicht vielleicht ein bisschen übertrieben war. Ich konnte aufstehen, laufen und fühlte mich soweit auch wieder ganz gut. Dennoch wollten mich die Sanitäter mitnehmen, nur zur Sicherheit, einmal alles durchchecken. „Na gut, dann bin ich in zwei Stunden wieder zuhause“, dachte ich mir.

„Nur zur Sicherheit, einmal alles durchchecken.“

Aus ein paar kurzen Erledigungen in der Innenstadt wurde ein ganzer Nachmittag im Krankenhaus. Ein junger Arzt nahm mir Blut ab, machte ein paar Tests und wirkt dabei etwas unsicher und nervös. Meine Mama kam dazu und wir warteten lange auf Ergebnisse aus dem Labor. Währenddessen machte ein anderer Arzt auf Panik, wollte noch ein Ultraschall machen. Fragte mich, ob ich letzte Nacht feiern war oder vielleicht Drogen nehme. Langsam verlor ich die Nerven. Mir ging es gut. Ich war vielleicht etwas müde, aber das war nach dem Stress der letzten Wochen und Monate nichts Ungewöhnliches. Irgendwann waren dann die Werte da, sie sahen unregelmäßig aus, mehr könne man aber nicht sagen. Deshalb sollte ich in ein Krankenhaus nach München, wo das Labor meine Werte genauer untersuchen könne. Per Krankentransport, nicht mit dem Auto, was noch mal zwei Stunden und dementsprechende Nerven kostete.

In München angekommen, wollte man mich mit dem Rollstuhl durch die Gegend fahren. Ich protestierte und bestand darauf selbst laufen, schließlich war ich nur hier um mein Blut untersuchen zu lassen und dann wieder zu gehen. Dementsprechend verwirrt war ich, als man mich auf eine Station brachte und ich mir erstmal ein Bett für die Nacht aussuchen sollte. Ich bekam wieder Blut abgenommen und wartete im Aufenthaltsraum auf das Ergebnis. 

Ich hatte kaum weiße Blutkörperchen und auch sonst insgesamt schienen die Werte nicht so zu sein wie sie sollten. Deshalb empfahl die Ärztin mir dringend über Nacht zu bleiben, auch wenn es nur zur Sicherheit sei. Zur Ursache mochte sie nicht viel sagen, es könnte alles mögliche sein. Konnte ich nicht morgen wiederkommen? Ich hasse Krankenhäuser. Außerdem war das hier alles nicht so geplant. Nach ganz viel Gedanklichem hin und her, entschied ich zu bleiben, mit dem Gedanken morgen früh würde sich schon alles klären und ich mit einer Packung Vitamine oder so nach Hause gehen. Die Nachtschwester brachte mich in einem Einzelzimmer unter und versorgte mich, ich hatte keine Sachen dabei, mit einem Handtuch und einer Einmalzahnbürste.

„Immer wieder schaute auch der Oberarzt vorbei und brachte zunehmend düstere Nachrichten mit.“

Am nächsten Morgen, nach einer unruhigen Nacht, bekam ich schon wieder Blut abgenommen. Es war Freitag. Der Vormittag verging, ich duschte, jemand brachte Frühstück, meine Eltern kamen. Immer wieder schaute auch der Oberarzt vorbei und brachte zunehmend düstere Nachrichten mit. So etwas einfaches wie ein Vitaminmangel schien es nicht zu sein. Es wurden weitere Untersuchungen gemacht. Gegen Nachmittag, mein Papa war gerade bei mir, kam dann das Resultat der Knochenmarkuntersuchung. Ich hatte Leukämie. Blutkrebs. Der Arzt redete von Blutkörperchen, Blasten, von Knochenmark, redete, redete und redete. Richtig zuhören konnte ich ihm nicht.

Danach lief in meiner Erinnerung alles ganz schnell, höchstwahrscheinlich, weil ich die Situation in der ich mich auf einmal befand, noch nicht so recht umrissen hatte. „Hier bin ich also, nicht so wie geplant auf dem Weg nach Mainz, sondern im Krankenhaus. Mit einer Leukämiediagnose“, schrieb ich als ersten Satz in ein kleines Papierheftchen, dass mir mein Papa mitgebracht hatte. Eigentlich wollte ich am Wochenende nach Mainz und dann zurück nach Frankreich, wo ich studiere. Aber daraus wurde jetzt selbstverständlich nicht mehr viel. Ich rief meine Freunde an, um Ihnen Bescheid zu sagen, wusste aber gar nicht genau wie ich mich dabei ausdrücken sollte. So etwas wie: „Hey, du ich habe schlechte Nachrichten. Unsere Pläne fallen ins Wasser, ich hab Leukämie“? Ehe ich mich umsehen konnte, war das Wochenende vorbei, mir steckte ein Schlauch im Hals, ich hing am Tropf und bekam Chemotherapie.

Die nächsten fünf Monate lang verbringe ich die meiste Zeit im Krankenhaus. Ich verliere meine Haare, an manchen Tagen leide ich wie ein Tier, schlage bei vierzig Grad Körpertemperatur fiebrige Saltos im Bett. Doch das hier soll keine detaillierte Chronik meiner Leiden werden. Hier soll es ums Weitermachen gehen. Die Phase in der ich die meiste Zeit im Krankenhaus verbringe erst einmal vorbei und ich bin soweit wieder gesund. Doch „mein altes Leben“ gibt es nicht mehr. Damit stehe ich jetzt vor einem freien Raum, einem Neuanfang gewissermaßen, mit all seiner Ungewissheit und seinen Möglichkeiten. 

Von diesem Anfang handelt dieser Blog.

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