Geduld und Übelkeit

Hilfe, ich stecke fest! Es ist Anfang Dezember und nichts scheint vorwärtszugehen. Noch Wochen vorher bin ich endlich wieder zuhause und sehr glücklich darüber, dass niemand morgens um sieben mit einem „Guten Morgen“ und Röhrchen zur Blutabnahme in mein Zimmer kommt. Alles in allem bin ich fitter als erwartet und auch der befürchtete Dauermuskelkater vom Treppensteigen blieb aus. Ich stehe sogar freiwillig früh auf, geprägt von meinem unfreiwilligen Tagesrhythmus im Krankenhaus.

Nach den ersten Wochen Zuhause verblasst die Euphorie ein bisschen und wird von Müdigkeit abgelöst, die erste (und harmloseste) Nebenwirkung auf jedem Beipackzettel. An sich ist das nicht weiter schlimm, ich habe keine Verpflichtungen und Zeit jeden Tag Mittagsschlaf zu halten. Dennoch fühlt sich die Müdigkeit, nach den Wochen in denen ich so ungewöhnlich fit war (wobei „fit sein“ hier relativ gelesen werden sollte), komisch an.

Die Tage ziehen mit erstaunlich hohen Tempo vorbei. Ich bringe ein bisschen Ordnung in meine Sachen, schaue mir alte Erinnerungen an und habe die Möglichkeit nebenbei ein bisschen von zuhause aus zu arbeiten. Meine Blutwerte entwickeln sich gut und bis auf kleinere Zwischenfälle wie die Woche in der ich aus Versehen doppelt soviel Kortison nehme, wie ich soll, geht es bergauf.

„Das Kopfkino startet voll durch…“

Ein paar Wochen später geht es auch wieder besser mit der Müdigkeit. Dafür zittere ich immer wieder ziemlich stark. Als es zum ersten Mal passiert steigt Panik in mir auf. Mir ist auch ein bisschen kalt. Ist es Schüttelfrost? Bekomme ich gerade Fieber?

Letzteres ist mein persönlicher Albtraum. Fieber ist ein Infektionszeichen, falls es auftritt, müsste ich sofort ins Krankenhaus. In mir steigt die Angst, das Kopfkino startet voll durch und ich sehe mich wieder mit Schlauch im Hals im Krankenhaus. Ich messe Fieber, drei Mal hintereinander, um sicher zu gehen, bevor ich mich beruhige und es schaffe die Angst abzuschütteln.

Beim nächsten wöchentlichen Kontrolltermin stellt sich heraus, dass das Zittern von einem der Medikamente kommt, die mein Immunsystem unterdrücken, um Abstoßungsreaktionen zu vermeiden. Das Zittern ist ist so stark, dass mir ab und zu das Brot aus der Hand fällt, weil es so sehr wackelt. Meine Handschrift sieht so aus wie die eines Erstklässlers. Kein Grund zur Beunruhigung, aber extrem frustrierend, wenn man seine Suppe nicht vernünftig löffeln kann und andere dabei zusehen. „Irgendwann geht das auch wieder weg“, sage ich mir und tatsächlich wird das Zittern mit jeder Reduktion der Medikamentendosis ein bisschen schwächer.

Es heißt also geduldig bleiben. Zwischendurch gibt es immer wieder kleinere Erfolge zu feiern: ein bisschen weniger von diesem oder jenem Medikament, ohne Atemmaske draußen sein zu dürfen. Es also voran. Langsam, aber immerhin.

„Alles wird gut…“

Solange bis, im wahrsten Sinne des Wortes, das nächste Übel auftaucht. Seitdem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde muss ich meine Medikamente als Tabletten nehmen. „Tablettenmüsli“, nennt das der Arzt. Das ist definitiv besser als einen Schlauch im Hals zu haben, doch nach fast drei Monaten Tabletten schlucken scheint mein Magen nun ziemlich gereizt zu sein von der Medikamentenmenge (die im Magen zu Säure umgewandelt werden) und reagiert entsprechend mit Übelkeit. Das fühlt sich dann ungefähr so an als wäre man die Hälfte seiner Zeit verkatert.

Nachdem meine Versuche, „Alles wird gut“ murmelnd, den Magen mit Kräutertee und Zwieback zu beruhigen, nur zu wechselhaften Erfolgen geführt haben, verschreibt der Arzt, ironischerweise, zusätzliche Medikamente um die Übelkeit zu zähmen. Je nach Tagesform klappt das ganz gut, manchmal bin ich aber auch den ganzen Vormittag damit beschäftigt meine Tabletten zu nehmen, ohne sie wieder auszuspucken.

Die Blutwerte entwickeln sich in der Zwischenzeit super, aber was nützt einem das, wenn einem mehr oder minder permanent schlecht ist. Da ich nicht viel zu berichten habe, außer wie ich zuhause sitze, fällt es mir auch schwer hier weiter zu schreiben. Viel lieber würde ich von Reiseplänen und Fortschritten berichten, als von meiner Übelkeit.

Mitte Januar:

Frohes neues Jahr! Nach wirklich sehr entspannten Weihnachtstagen schieße ich, während alle anderen mit ihren Raketen und Böllern das neue Jahr begrüßen, das alte mit einer einzelnen Rakete auf den Mond. Das ganze fühlt sich so symbolträchtig an, dass mir Tränen in die Augen steigen. 

Langsam gehen die Dinge doch wieder voran: In den letzten Wochen ist meine Übelkeit besser geworden, Stück für Stück, bis sie schließlich ganz verschwunden ist. Auch meine Haare wachsen wieder und bei den regelmäßigen Arztterminen (und auch von anderen) wird mir attestiert, dass ich langsam „nicht mehr wie ein blasses Schlossgespenst aussehe“, also langsam wieder menschliche Züge annehme.

Ob ich schon, wie geplant, im Sommer mit dem Van durch Europa fahre weiß ich mittlerweile gar nicht mehr. Stattdessen versuche ich mich mit der Idee anzufreunden, dass es eben noch Zeit braucht um wieder richtig fit zu werden – und das ist erst mal das Wichtigste. Deswegen mache ich jetzt fleißig und bisher auch mit vorbildlicher Regelmäßigkeit Krafttraining. Im März geht es dann einen Monat zur Reha. Nicht nur um die körperliche Leistungsfähigkeit wieder herzustellen und um Leute kennenzulernen, die Ähnliches durchgemacht haben, sondern auch um mit der Krankheit so gut wie es geht abzuschließen. 

Momentan ist einfach schwierig abzuschätzen, ob ich diesen Sommer schon von allen Einschränkungen befreit sein werde. (Gute Nachricht: Ich darf wieder Auto fahren und wenn die Grippewelle vorbei ist auch wieder Zug!)

Die großen Neuigkeiten zum Thema Van lassen also noch auf sich warten, was aber auf keinen Fall heißt, dass ich meine Ambitionen schon wieder aufgegeben habe. Es braucht, wie gerade bei allem, noch ein wenig Geduld.

Schreibe einen Kommentar