Du hast das Ruder in der Hand!

„Wenn ich bald dieses Medikament nicht mehr nehmen muss, dann ist alles gut und mein Leben eigentlich perfekt.“

Ich liege abends im Bett und klicke mich, wie so oft in letzter Zeit, ohne Ziel durch’s Internet. Irgendwann stoße ich auf einen Blogeintrag. „Warum Leiden schöner ist als Veränderung“, heißt der Text.

Sein Autor Mischa Miltenberger, berichtet auf seinem Blog wie er seine Angststörung und seine Depression überwunden hat. Er schreibt, dass viele Menschen, die er während seiner Behandlung kennen gelernt hat, nach dem Gedanken leben: „Mein Leben wäre eigentlich super, wenn in meinem Kopf nicht so komische Sachen herumspuken würden und mein Körper endlich mal das machen würde, was ich von ihm will.“

Mist! Das bin sowas von ich, denke ich beim lesen. Wie oft habe ich im letzten Jahr gedacht: „Wenn ich endlich Cortison und Cyclosporin, die Medikamente die mein Immunsystem unterdrücken absetzen kann, dann kann das Leben weiter gehen.“

Was für ein merkwürdiger Gedanke, wenn man kurz darüber nachdenkt. Als ob durch meine Krankheit mein Leben angehalten wurde und es dann nach irgendwann wieder weitergeht. Es hat doch keiner zu meinem Diagnose auf Pause gedrückt

Meine Leukämie hat mich natürlich aus dem Leben geworfen, aber es ist mit der Diagnose nicht einfach so stehen geblieben. Als ich nachts mit vierzig Grad Körpertemperatur im Krankenhausbett lag und sich alles drehte habe ich gelebt. Später, als mir Zuhause gefühlt drei Monate lang schlecht war, war ich am Leben. Dennoch steckte ich in einer Art Warteschleife, wohl weil ich dachte, wenn ich spätestens im Oktober nicht mehr immunsupprimiert bin und mit dem Studium weitermachen kann, ginge das Leben weiter

Bis vor kurzem stand hier, dass ich darüber schreibe „wie ich nach meiner Krankheit zurück ins Leben finde“. Mittlerweile ergibt der Satz keinen Sinn mehr für mich. Es sei denn man liest Leben als Alltag, als Rückkehr zur Normalität.

„Was man nicht verloren hat, kann man auch nicht wiederfinden, oder?“

Doch was ist schon Normalität? Letztendlich ein fiktives Konstrukt, definiert durch gesellschaftliche Konventionen. Die Leukämie, die Stammzelltransplantation und was danach kam haben mein Leben auf den Kopf gestellt und einmal so richtig ordentlich durchgeschüttelt. So sehr, dass danach gefühlt nichts mehr an seinem Platz stand. Aber die ganze Zeit über war das Leben nie weg. Was man nicht verloren hat, kann man auch nicht wiederfinden, oder?

Anfang Oktober meldete sich mein Immunsystem wieder, weswegen ich momentan wieder Cortison nehme. Letzte Woche musste ich wegen einer Lungenentzündung in die Notaufnahme und einige Tage im Krankenhaus verbringen. Nicht toll, ist aber jetzt so. Kann passieren, das Leben bleibt deswegen nicht stehen. Es geht weiter.

Im September habe ich meinen Cousin an der französischen Atlantikküste besucht. Wir standen um sieben Uhr morgens auf um surfen gehen zu können bevor die Sonne zu stark wurde. Ich konnte auf dem Surfbrett keine fünf Minuten gegen die Wellen paddeln bis meine Arme den Geist aufgaben, geschweige denn irgendwie auf dem Brett aufstehen.

Letztendlich hat Bastien mich hinter die Wellen gezogen, indem ich mich an der Leine an seinem Fuß festhielt und er für uns beide paddelte – was ich ihm übrigens hoch anrechne, vor allem weil er mir auch noch mein Brett zurückbrachte nachdem meine Leine durch die Kraft einer Welle riss.

An dem Tag habe ich keine einzige Welle bekommen. Aber das heißt doch nicht, dass ich nicht wieder dahin kommen kann. Schön war es trotzdem auf dem Wasser zu sitzen und die Aussicht zu genießen.

Es hat mich an meine Grenzen getrieben, aber vor einem Jahr lag die Vorstellung wieder ins Meer zu können unerreichbar fern. Jetzt ist immer noch nicht der richtige Moment um mir meinen Traum von einem Van zu erfüllen. Aber deswegen muss ich den Plan doch nicht für immer abschreiben, nur weil es gerade nicht geht.

„… wie wir uns dann früh morgens in das kalte Nass stürzen und danach völlig übermüdet, aber trotzdem voller Leben, frische Croissants frühstücken …“

Auch wenn es vielleicht noch drei Jahre dauert, bis ich wieder genug Muskeln habe um Wellen anzupaddeln und danach noch ein Jahr bis ich das nötige Geld habe um mir den Van dann auch zu kaufen, bedeutet das doch nicht, dass ich mir den Traum aus dem Kopf schlagen muss, mit ein paar Freunden auf der Rückbank und Surfbrettern auf dem Dach, die Nacht durchzufahren.

Nur weil ich momentan schon Schwierigkeiten habe mit einem vollgepackten Rucksack auf dem Rücken aufzustehen, muss ich es nicht als unerreichbar abstempeln, wenn ich mir in Gedanken auszumale, wie wir uns dann früh morgens in das kalte Nass stürzen. Und danach völlig übermüdet, aber trotzdem voller Leben, frische Croissants oder Pasteis de nata zum Frühstück essen und dann den restlichen Tag über in der Hängematte dösen.

Weil ich jetzt wieder mittelfristig Medikamente nehme, die mich anfälliger für Infekte mache, heißt das nicht das ich mich aus Angst vor Bakterien, Viren und Infekten unter der Bettdecke verkriechen und alle Pläne absagen, alle Träume verwerfen muss.

Wenn Micha schreibt Leiden sei schön, dann klingt erstmal unlogisch. Was soll denn daran schön sein, wenn es einem schlecht geht? „Ganz einfach“, schreibt er, „weil Leiden zwar weh tut, aber so herrlich bequem ist“. Wenn es einem schlecht geht, dann wird das Leiden schnell zur Komfortzone, der Bereich in dem man sich zwar nicht einmal unbedingt wohl fühlen muss, aber in dem man sich gut auskennt, vorsehen kann was passiert.

Das ist auch mir passiert. Am Tag bevor ich nach meinem ersten Zyklus Chemotherapie, nach Wochen endlich für ein paar Tage nach Hause durfte, stellte ich fest, dass ich Angst hatte nach Hause zu gehen. Mein Krankenhauszimmer war für mich für eine kontrollierte Umgebung geworden. Alles zwischen den weißen Wänden war berechenbar. Morgens Blutabnahme, dann Frühstück und irgendwann Visite. All das war zu meiner Komfortzone geworden. Schöne Erlebnisse hatte ich im Krankenhaus keine, mal abgesehen von einigen positiven Momenten, zum Beispiel als ich erfuhr, dass es eine Spenderin für mich gefunden wurde. Dennoch fühlte ich mich nach den ersten fünf Wochen im Krankenhaus unwohl bei dem Gedanken diesen Ort zu verlassen, selbst wenn es nur um ein paar Tage zuhause ging.

Genau das ist der Punkt. Auch wenn sie gar nicht komfortabel ist oder man dort eigentlich todunglücklich ist: man kann es sich in der Komfortzone gemütlich machen wie in einem Kokon, den man nicht mehr verlässt. Das ist einfacher als sich Gedanken zu machen und „schützt einen davor, das Leben selbst in die Hand nehmen zu müssen“.

„Du bist für dein Leben selbst verantwortlich, verdammt nochmal.“

Als ich Michas Worte lese kommt mir das Wort Selbstverantwortung in den Sinn. „Du bist für dein Leben selbst verantwortlich, verdammt nochmal.“ Was dann auch manchmal bedeutet, sein Leben zu hinterfragen und sich unangenehmen Fragen zu stellen. Nachzudenken. Nicht unbedingt über den Sinn des Lebens, sondern auch über die Beziehung, die Arbeit, die eigenen Freunde oder wie man sich tagtäglich ernährt.

Verantwortung zu übernehmen bedeutet für mich momentan, meinen Alltag nach meinen Vorstellungen zu gestalten. Zum Beispiel will ich morgens nicht mehr, wie früher, im aller letzten Moment aufstehen um mich dann in kürzester Zeit fertig zu machen und mit dem Fahrrad zur Uni zu sprinten. Anstatt den Tag mit einer Stresssituation zu beginnen, will ich genug Zeit haben in Ruhe zu frühstücken, vielleicht einen Moment Zeit haben um tief durchzuatmen oder vielleicht sogar zwanzig Minuten zu meditieren. Wenn ich es dann auch noch schaffe rechtzeitig an der Bahnhaltestelle zu stehen ist der Start in den Tag gleich entspannter (was übrigens auch langfristig keine schlechte Idee ist, wenn man bedenkt, dass Stress tatsächlich krank macht).

Es gibt Momente in denen schlicht keine Lust habe etwas anzupacken. Auch wenn es dann oft bequemer ist sich abzulenken und willenlos durch soziale Netzwerke zu wischen, braucht es oft nur einen ersten Schritt, völlig egal wie groß oderin welche Richtung. Hauptsache aktiv werden. Falls man dann merkt, dass es ein Schritt nach hinten oder in die falsche Richtung war, dann geht es halt wieder einen nach vorne. Hauptsache nicht mehr Feststecken auf der Couch, im Bett oder anderswo und denken: „Wenn irgendwann endlich dieses oder jenes passiert, dann ist alles in Ordnung“.

Momentan sind es die kleinen Schrauben an denen ich drehe, wie zum Beispiel an meinem Tagesablauf. Was genau ich im Leben will, was meine Träume sind, als was ich später arbeiten möchte, weiß ich auch noch nicht. Letztendlich suchen wir doch alle nach den Antworten auf die großen Fragen. Oder warten darauf, dass sie vielleicht eines Tages im Briefkasten liegen oder in der Zeitung stehen.

Ich habe gemerkt, dass es für mich nichts mehr abzuwarten gibt. Keine Zeit mehr abzusitzen bis ich ein Medikament absetzen oder mein Studium fortsetzen kann. Also laufe ich los und mache mich auf die Suche.

→ Auf Mischas Blog gibt es noch viele lesenswerte Texte, ist also einen Klick wert. Danke für diesen Artikel, über den ich anscheinend zufällig (wahrscheinlich nicht so zufällig) gestoßen bin.

→ In dieser Folge von Hotel Matze mit Madeleine Daria Alizadeh geht es unter anderem um die Frage: „Was ist mir wichtig im Leben und wofür stehe ich ein?“. Das Gespräch liefert ein paar interessante Gedanken passend zum Artikel.

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