Blick zurück und nach vorne

Mein Leben in den letzten Jahren sah so aus, wie das eines durchschnittlichen jungen Menschen Anfang zwanzig. Nach dem Abitur wollte ich erst mal weg und entschied mich gemeinsam mit meinem besten Freund, den ich kenne seit ich drei bin, nach Neuseeland zu fliegen. Was ich danach aus meinem Leben machen wollte wusste ich damals noch nicht und nach einem knappen Jahr voller Reisen und Abenteuer sah es diesbezüglich nicht viel anders aus. Während der Schulzeit war ich bei der Schülerzeitung und hatte freiberuflich ein paar Artikel geschrieben. Ich war in Deutsch und Sprachen besser als in Mathe und Physik und setzte deshalb Journalismus als grobes Berufsziel fest.

„Was ich danach aus meinem Leben machen wollte wusste ich damals noch nicht.“

Zu meinen Interessen zählen auch Dinge wie Fotografieren und Grafikdesign, aber weil ich kein Jahr damit verbringen und eventuell verschwenden wollte, so etwas wie eine Mappe anzufertigen, waren alternative Ideen, wie sich für die Filmhochschule oder ein Studium in Kommunikationsdesign zu bewerben, ausgeschieden. Bei meiner eher ziellosen Suche stieß ich im Internet auf einen deutsch-französischen Studiengang. Eineinhalb Jahre in Frankreich, eventuell auch ein halbes Jahr in Kanada, zu studieren klang aufregend, die Fächer Französisch sowie Philosophie halbwegs spannend und auch einigermaßen mit meinen Ambitionen Journalist zu werden kompatibel.

Also schrieb ich mich, gefühlt im letzten Moment, ein und zog von der Nähe von München nach Mainz, um mich ins Studentenleben zu stürzen. Eigentlich war der Plan, dann so schnell wie möglich ein journalistisches Praktikum zu machen, um rauszufinden, ob es mir auch wirklich gefällt, aber das ist nie passiert. Stattdessen zog das erste Jahr meines Studiums vorbei. Ich wohnte in einer Dreier-WG im etwas renovierungsbedürftigen Studentenwohnheim, lernte viele neue Leute kennen, feierte und trank dementsprechend viel, und wechselte nach einem Semester mein Nebenfach zu Amerikanistik. 

Nebenbei arbeitete ich als Küchenhilfe, um in den Semesterferien surfen gehen zu können. Surfen ist eine Leidenschaft, die ich aus Neuseeland mitgebracht habe. Das Jahr zog vorbei und ich nach Frankreich, genauer gesagt nach Dijon, in eine schöne kleine Einzimmerwohnung mitten in der Stadt. Die folgenden Monate hießen weniger Party und mehr Arbeit für das chaotische und ziemlich verschulte Unisystem. Nachdem ich das erste Semester zwar mit Anstrengung, aber trotzdem gut überstanden hatte, folgte im Januar direkt ohne Pause das zweite.

Das war der Moment, ab dem die Dinge dann gefühlt den Bach runtergingen. Dijon ist eine wunderschöne Stadt, im Winter aber kalt, grau und nebelig. Ich versuchte die Uni und meinen Nebenjob an einer Schule, der zu lukrativ war um sich nicht zu bewerben, unter einen Hut zubringen. Schließlich musste sich das nächste Semester in Kanada irgendwie finanzieren. In einem zusätzlichen Gewaltakt, der im Nachhinein betrachtet an Selbstverletzung grenzte, schrieb ich zwischen etlichen anderen Abgaben die Hausarbeit, die im letzten Sommersemester zwischen Wohnungssuche und Surfurlaub liegen geblieben war. 

Die Stunden alleine am Schreibtisch in einer Wohnung in der die Temperaturen aufgrund der kleinen Elektroheizung zwischen Nordpol und Äquator schwankten, der Schlafmangel, der viele Stress und der fehlende Ausgleich waren wohl alles etwas zu viel. Als dann im April zwei Wochen Ferien anstanden fuhr ich erschöpft, etwas kränkelnd, aber erleichtert nach Hause. Ein paar Tage Ausschlafen und Nichtstun und ich wäre wieder gut wie neu, dachte ich mir. Dann kippte ich an einem Donnerstag Mittag beim Einkaufen um – und lag einen Tag später mit einer Leukämiediagnose im Krankenhaus.

Neuanfang

Knapp ein halbes Jahr später: Ich habe es geschafft und die Behandlung hinter mir. Dank einer Stammzellenspende habe ich ein neues, gesundes Immunsystem und darf nach der langen Zeit im Krankenhaus wieder nach Hause. Die große Frage die sich jetzt stellt ist: „Wie geht mein Leben jetzt weiter?“ Da weiter machen wo ich aufgehört habe, geht schon allein aus praktischen Gründen nicht. Mein neues Immunsystem braucht noch Zeit, um wieder mit Dingen wie vollen U-Bahnen und Hörsälen voll mit verschnupften Menschen fertig zu werden. Mein Bewegungsradius war wochenlang auf wenige Quadratmeter beschränkt. Deswegen braucht mein Körper nach all der Zeit im Krankenhaus, der wenigen Bewegung und den vielen Medikamenten erstmal Zeit, um wieder zu Kräften zu kommen. 

„Trotzdem muss es da draußen was Besseres geben…“

Wirklich zurück zu meinem „alten Leben“ will ich auch gar nicht mehr, denn wirklich glücklich war ich davor ja nicht. Anstatt jeden Morgen voller Begeisterung für den neuen Tag aus dem Bett zu springen, schleppte ich mich in den Monaten vor der Krankheit kraftlos durch den Alltag. Das lag zuletzt natürlich auch an der Krankheit selbst, aber trotzdem muss es da draußen was Besseres geben als sich von einem Studium stressen zu lassen, von dem man nicht einmal sicher ob es auch wirklich das Richtige ist.

Nachdem mein Alltag so plötzlich unterbrochen wurde, hatte ich auf einmal viel Zeit nachzudenken. Natürlich kommen dann auch Fragen auf wie: „Was soll der ganze Mist hier eigentlich?“, und später dann, gegen Ende der Zeit im Krankenhaus: „Wie wird mein Leben jetzt aussehen? Wie soll es in Zukunft aussehen?“ Auch wenn ich in nächster Zeit noch mit Einschränkungen zu leben habe, bietet die Situation vielleicht auch die Chance die Dinge mit ein bisschen mehr Plan anzugehen, als ich es vielleicht bisher getan habe. Ich will also ein paar fundierte Entscheidungen zu treffen, was ich in meinem Leben machen will – was jetzt gar nicht mehr so selbstverständlich erscheint, schließlich kann man an Leukämie auch sterben.

Träume

Immer wenn der Alltag stressig wurde, weil zum Beispiel Prüfungen anstanden, begann ich tagzuträumen wie es so wäre, mein Leben am Meer zu verbringen. Mit einem Van als Reisebegleiter, das Surfbrett im Kofferraum. Wäre es nicht viel besser den Tag mit einem Sprung in die Wellen zu beginnen, anstatt mit einem Kampf mit dem Wecker. Nach dem Abitur hatte ich schon einmal kurz mit dem Gedanken gespielt mit einem gebrauchten Bus quer durch Europa zu ziehen, aber dann ging es doch nach Neuseeland. Der Realisierung meines Traums am nächsten kam ich, als ich auf Autoportalen „nur mal so“ nach einem Gefährt suchte. „Aber du musst doch studieren. Und ganz abgesehen, wie willst du das überhaupt finanzieren?“ Die ersten Einwände meines Verstandes reichten schon, um meine Gedankenspielereien zum Schweigen zu bringen und so blieb das Leben im Van und das Verweigern gesellschaftlicher Zwänge nicht mehr als ein Tagtraum.

Dabei hatte es schon damals in Neuseeland ziemlich viel Spaß gemacht in einem Van durch die Gegend zu fahren und zu übernachten. Auch wenn der Van viel zu klein war, um zwei Menschen gleichzeitig einen guten Schlaf zu ermöglichen. Vor allem wenn einer der beiden (ich) über zwei Meter groß ist. So hielt sich an manchen Tagen der Komfort schon in Grenzen, wie zum Beispiel, wenn wir auf den Vordersitzen mit angezogenen Beinen unser Abendessen löffelten, während gleichzeitig der Regen, vor unseren Augen, in dicken Tropfen auf die Windschutzscheibe prasselte. Nichtsdestotrotz, ein eigener fahrbarer Untersatz war nicht nur als Fortbewegungsmittel unschlagbar, sondern verschaffte uns auch ein Gefühl von Freiheit und die Möglichkeit einfach weiterzufahren, bis es aufhörte zu regnen. Oder zu bleiben, wenn es einem gefiel, was mich spontan dazu brachte sechs Wochen in einem Hostel zu arbeiten und surfen zu lernen.

„Man spaziert nach einer Stammzellentransplantation nicht fröhlich aus dem Krankenhaus um in die nächste U-Bahn zu steigen“

So eine Krankheit fordert, auch im Nachgang, einiges an Geduld. Nachdem man nach einer Stammzellentransplantation nicht fröhlich aus dem Krankenhaus spaziert um in die nächste U-Bahn zu steigen, zum Flughafen fährt und den nächsten Flieger in die weite Welt nimmt, habe ich jetzt erst mal Zeit. Die Idee scheitert schon an der U-Bahn, öffentliche Verkehrsmittel sind für ein Immunsystem, das kaum mehr als vier Wochen alt ist eine viel zu große Herausforderung. Ungefähr ein Jahr dauert es, bis man wieder zu alter Stärke zurückkehrt und so sammle ich, langsam und ungeduldig meine Kräfte. Das heißt, Spaziergänge und Fahrrad fahren stehen auf dem Programm, genauso wie energielos auf dem Sofa hängen, was hauptsächlich an der anstrengenden Therapie, die man hinter sich hat, aber auch den vielen Medikamenten, liegt. Aber abgesehen davon, ist da ja noch die Frage: „Was will ich machen?“, und mir steht ein ganzes Jahr (mit Einschränkungen, aber die gehen vorbei) zur Verfügung, mich mit der Frage auseinanderzusetzen. Viel freie Zeit und keine Ausreden, die mich davon abhalten könnten, mich der Idee zu widmen, die davor immer im Alltagsstress untergegangen war. 

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich will einen Van kaufen und ausbauen, um dann, wenn alles fertig ist, mit einem Surfbrett im Gepäck, in Richtung Meer zu fahren! Und hier über die Fortschritte, und Rückschläge bei der Realisierung meines Plans berichten.